Die Schwieger­mutter ist tot!

Wenn die Schwieger­mama plötzlich zum Vermittlungs­risiko wird.

Bei Hundeadoptionen erleben wir vieles. Manche Absagen sind verständlich, andere eher erstaunlich kreativ. Und eine Begründung begegnet uns verdächtig oft.

Bei uns im Sonnenpfoten-Postfach landen nicht nur Bewerbungen für Hunde, sondern auch Geschichten, die locker eine eigene Netflix-Serie füllen könnten. Mal Drama, mal Rom-Com, mal so grotesk, dass wir uns ernsthaft fragen: Ist das hier eigentlich Tierschutz oder schon Entertainment?

Wenn seltsame Geschichten direkt am Anfang auftauchen, ist das noch halb so wild. Dann sortieren sich Bewerberinnen und Bewerber im Zweifel selbst aus, wir sparen uns Zeit, Arbeit und Nerven. Richtig bitter wird es erst dann, wenn die Märchenstunde beginnt, obwohl eigentlich längst alles geklärt ist. Hund ausgesucht, Gespräche geführt, Vorkontrolle gemacht, Ausreise aus Spanien organisiert, Platz im Transporter verbindlich und kostenpflichtig gebucht. Und dann: pling! Eine Absage. Natürlich nicht telefonisch, sondern bequem per WhatsApp. Dafür braucht man schließlich auch kein schauspielerisches Talent.

Und dann sitzen wir da. Mit all der investierten Zeit, den Telefonaten, den Vorkontrollen, dem verfahrenen Sprit, den Formularen, dem verlorenen Geld und vor allem mit der Enttäuschung. Denn während sich jemand auf der anderen Seite vielleicht einfach umentschieden hat, hängt auf unserer Seite eben deutlich mehr dran als ein paar Nachrichten.
Wer jetzt denkt, die häufigste Begründung sei die gute alte plötzlich aufgetauchte Hundeallergie, der irrt sich gewaltig. Unangefochtener Platz 1 ist: „Meine Schwiegermutter ist gestorben.“

Wenn die Zahlen stimmen, sprechen wir hier von einem regelrechten Massensterben deutscher Schwiegermamas. Vielleicht sollten wir beim Statistischen Bundesamt einmal nachfragen, ob dort irgendwo eine Excel Tabelle mit der Überschrift „Spontan verstorbene Schwiegermütter kurz vor Hundeadoption“ geführt wird. Manche Schwiegermütter haben immerhin ein bisschen mehr Glück. Die werden nicht direkt beerdigt, sondern zunächst nur überraschend zum Pflegefall erklärt.

Und jetzt einmal ganz ernst. Natürlich haben wir größten Respekt vor echten Schicksalsschlägen. Wenn ein Mensch stirbt, schwer erkrankt oder sich eine familiäre Situation plötzlich komplett verändert, kann das selbstverständlich ein nachvollziehbarer Grund sein, eine Adoption abzusagen. Darüber würden wir uns niemals lustig machen. Aber wenn zwei Tage nach der angekündigten Beerdigung die angeblich Trauernden einen süßen Welpen auf Social Media mit der Caption „Willkommen Zuhause“ posten, dann verzeiht uns bitte, wenn sich bei uns ein gewisses Misstrauen einschleicht.

Und genau das ist eigentlich auch das Unfaire an solchen Geschichten. Denn wenn irgendwann wirklich einmal eine Schwiegermutter stirbt und jemand genau deshalb absagen muss, glauben wir es wahrscheinlich erst einmal nicht mehr. Im schlimmsten Fall belächeln wir eine völlig ehrliche Begründung, nur weil wir sie schon zu oft als Ausrede gehört haben. Das ist unfair gegenüber den Menschen, bei denen wirklich etwas passiert ist.

Warum es ausgerechnet so oft die Schwiegermutter trifft? Wir wissen es wirklich nicht. Vielleicht möchte man die eigene Mutter dann doch nicht opfern. Vielleicht klingt die Schwiegermutter weit genug entfernt, um glaubwürdig zu wirken, aber nah genug, damit wir garantiert verständnisvoll reagieren. Vielleicht ist es auch einfach ein Grund, bei dem man darauf setzt, dass niemand nachfragt. Denn was soll man darauf schon antworten? „Oh je, unser Beileid.“ Und fertig.

Vielleicht ist es bei manchen aber auch schlicht Wunschdenken. Schließlich ist das Verhältnis zur Schwiegermama bekanntlich nicht immer das allerbeste und der Sonntagskuchen manchmal auch eher Pflichtprogramm als kulinarisches Highlight. Wie auch immer: Bei uns hat sich die verstorbene Schwiegermutter inzwischen einen ziemlich sicheren Platz im großen Handbuch der zweifelhaften Absagen erarbeitet.

Das Problem dabei ist übrigens nicht nur, dass wir uns veräppelt fühlen. Hinter jeder geplanten Adoption steckt Arbeit. Wir führen Gespräche, organisieren Vorkontrollen, stimmen uns mit unseren Partnern in Spanien ab, planen Transporte und reservieren Plätze, die Geld kosten. Gleichzeitig halten wir einen Hund für jemanden frei, obwohl es vielleicht noch andere Interessenten gegeben hätte. Eine kurzfristige Absage ist deshalb nicht einfach nur ein kleines „Sorry, klappt doch nicht“. Sie kann bedeuten, dass Geld verloren geht, ein Transportplatz leer bleibt, ein Hund später ausreisen muss oder die gesamte Organisation noch einmal von vorne beginnt.

Und genau deshalb wäre uns eines viel lieber als jede noch so kreative Geschichte: Ehrlichkeit. Wenn Du kalte Füße bekommst, Zweifel hast oder merkst, dass eine Adoption doch nicht zu Deinem Leben passt, dann sag es uns. Wirklich. Wir werden vielleicht enttäuscht sein. Vielleicht auch genervt, wenn alles schon organisiert ist. Aber mit einer ehrlichen Absage können wir umgehen. Mit der fünften spontan verstorbenen Schwiegermutter innerhalb weniger Monate wird es irgendwann schwieriger.

In diesem Sinne haben wir eine kleine Bitte an alle, die sich bei uns auf einen Hund bewerben möchten: Ruf vorher einmal kurz bei Deiner Schwiegermutter an. Frag, wie es ihr geht, ob sie noch lebt und ob sie zufällig nächste Woche eine spontane Beerdigung plant. Vielleicht freut sie sich sogar über ein paar nette Worte. Und falls Du gar keine Schwiegermutter hast, bist Du zumindest bei diesem Absagegrund schon einmal raus.

Euer Team von Sonnenpfoten e. V.

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