Ein Hund wirkt im Tierheim ruhig, freundlich und unkompliziert. Im neuen Zuhause entdeckt er plötzlich seine Stimme, findet fremde Menschen gruselig oder erklärt den Staubsauger zum Staatsfeind.
Oder genau andersherum: Im Tierheim eher still und zurückhaltend, zuhause nach ein paar Wochen plötzlich fröhlich, selbstbewusst und mit ziemlich klaren Vorstellungen davon, wie der Alltag laufen sollte. Beides ist vollkommen möglich.
Im Tierheim ist eigentlich immer etwas los. Hunde bellen, Menschen kommen und gehen, überall sind Gerüche und Geräusche. Es gibt zwar feste Abläufe, aber für den einzelnen Hund oft wenig echte Ruhe, Abwechslung oder individuelle Beschäftigung.
Dazu kommt, dass jeder Hund etwas anderes mitbringt. Manche wurden gerade erst gefunden, andere abgegeben oder aus schlechter Haltung übernommen. Einige kennen das Leben in einem Haus, andere nur die Straße. So unterschiedlich ihre Geschichten auch sind, das Tierheim ist für fast alle erst einmal eine völlig neue Welt.
Stress, Aufregung und Unsicherheit können Verhalten stark beeinflussen. Ein Hund zeigt deshalb im Tierheim nicht automatisch genauso viel von sich wie später in einem Zuhause. Wir lernen wichtige Seiten kennen, aber eben nie die ganze Persönlichkeit.
Ein Hund springt am Gitter hoch, bellt, ist ständig in Bewegung und kommt gefühlt keine Sekunde zur Ruhe. Geht man ins Gehege, sollte man besser halbwegs standfest sein, sonst landet man schnell mitten in einer sehr überschwänglichen Begrüßung.
Das wirkt erst einmal so, als hätte man es mit einem echten Wirbelwind zu tun. Dabei kann der Hund mit der Situation schlicht überfordert sein. Oder die Freude darüber, endlich einen Menschen zu sehen, ist so groß, dass sämtliche guten Manieren kurz Urlaub machen.
Mehr Ruhe, Schlaf, Beschäftigung, feste Bezugspersonen und ein geregelter Alltag können einen riesigen Unterschied machen. Und plötzlich wird aus dem vermeintlichen Raudi ein Hund, dessen größtes Tagesziel darin besteht, sich möglichst früh den besten Platz auf dem Sofa zu sichern.
Es gibt natürlich echte Angsthunde. Die meinen wir hier gar nicht. Aber es gibt auch Hunde, die im Tierheim einfach schüchterner, stiller oder weniger fröhlich wirken, als sie eigentlich sind.
Manche halten sich dort mit ihrer Persönlichkeit noch ziemlich zurück und zeigen kaum, wie viel Selbstbewusstsein, Temperament oder Dickkopf tatsächlich in ihnen steckt. Für einige ist einfach zu viel los, um wirklich zu zeigen, wer sie sind.
Zieht so ein Hund später in ein ruhigeres Zuhause und fühlt sich sicher, kann sich das ziemlich verändern. Aus dem vorsichtigen Hund wird vielleicht plötzlich sogar ein kleiner Draufgänger. Einer, der im Tierheim kaum aufgefallen ist, hat auf einmal sehr genaue Vorstellungen davon, wann der Spaziergang losgeht und wie frech man zu den Nachbarn sein darf.
Der Hund ist dann nicht plötzlich ein anderer geworden. Er zeigt einfach immer mehr von sich.
Selbst wenn wir einen Hund im Tierheim gut kennenlernen konnten, gibt es viele Dinge, die sich dort kaum realistisch einschätzen lassen. Wie reagiert er auf Besuch? Auf Straßenverkehr? Auf Menschen im Treppenhaus? Auf den Fernseher, die Kaffeemaschine oder den Staubsauger? Was passiert, wenn sein Mensch das Haus verlässt?
Auch Stubenreinheit, Alleinbleiben oder das Verhalten an der Leine lassen sich nicht immer zuverlässig vorhersagen. Viele Hunde müssen einen ganz normalen Haushalt tatsächlich erst kennenlernen.
Und selbst Kleinigkeiten können eine Rolle spielen. Ein Hund, der im Tierheim entspannt mit anderen Hunden zusammenlebt, kann zuhause plötzlich anfangen, Ressourcen zu verteidigen oder beim Spaziergang Artgenossen an der Leine anzupöbeln. Ein anderer reagiert draußen unsicher auf Fahrräder, Kinderwagen oder Autos, obwohl vorbeifahrende LKW bei Spaziergängen im Tierheim überhaupt kein Thema waren.
Ein Hund auf einer Pflegestelle lebt bereits mitten im Alltag. Dadurch können wir ihn häufig deutlich genauer kennenlernen. Wir sehen, wie er zuhause zur Ruhe kommt, wie er auf Besucher reagiert, ob er alleine bleiben kann und wie er sich draußen verhält.
Auch das Zusammenleben mit anderen Hunden, Kindern oder manchmal Katzen lässt sich dort wesentlich realistischer beurteilen. Genau deshalb helfen Pflegestellen nicht nur dem Hund beim Ankommen. Sie helfen uns auch dabei, besser einzuschätzen, welches Zuhause wirklich zu ihm passt.
Auch eine Pflegestelle kann natürlich nicht jede zukünftige Situation vorwegnehmen. Ein Hund kann sich bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich verhalten. Ein ruhiges Zuhause auf dem Land ist etwas anderes als eine Wohnung mitten in der Stadt. Ein souveräner Ersthund kann Sicherheit geben, während ein Leben als Einzelhund wieder ganz andere Seiten hervorbringt.
Wir können unsere Hunde deshalb so gut wie möglich einschätzen, aber keine Bedienungsanleitung mitliefern. Wäre manchmal praktisch. Gibt es aber leider nicht.
Nach ein paar Tagen weiß man meistens noch nicht, wie der neue Hund wirklich tickt. Die erste Zeit besteht für viele Hunde vor allem aus Orientierung. Alles ist neu: Menschen, Umgebung, Geräusche, Abläufe und Erwartungen.
Mit der Zeit wird der Hund sicherer, probiert Dinge aus und findet seinen Platz. Dabei können auch Eigenschaften oder Verhaltensweisen auftauchen, die vorher niemand gesehen hat. Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas schiefgelaufen ist. Oft bedeutet es einfach: Der Hund kommt an.
Natürlich versuchen wir, unsere Hunde so gut wie möglich kennenzulernen. Genauso wichtig ist für uns aber das zukünftige Zuhause. Wie sieht Dein Alltag aus? Gibt es Kinder, Katzen oder andere Hunde? Wie lange müsste der Hund alleine bleiben? Lebst Du mitten in der Stadt oder eher ruhig?
Je mehr wir darüber wissen, desto besser können wir einschätzen, welcher Hund passen könnte. Es geht nicht darum, den perfekten Hund zu finden. Es geht darum, Hund und Mensch zusammenzubringen, deren Leben möglichst gut zueinander passt.
Welche Rahmenbedingungen bei einer Vermittlung wichtig sind, findest Du bei unseren Voraussetzungen für eine Adoption.
Ein Hund ist im Tierheim nicht zwingend derselbe Hund, den Du einige Monate später zuhause erleben wirst. Manche werden mutiger. Andere ruhiger. Einige entdecken ihre alberne Seite. Andere entwickeln plötzlich ziemlich klare Meinungen zu Nachbarn, Sofaplätzen oder Spaziergangszeiten.
Deshalb bleibt eine Einschätzung aus dem Tierheim immer genau das: eine möglichst gute Einschätzung und keine Garantie. Sie hilft uns bei der Vermittlung, ersetzt aber nicht das Kennenlernen und auch nicht die Zeit, die ein Hund braucht, um wirklich anzukommen.
Und manchmal ist genau das besonders schön. Denn hinter einem stillen Hund im spanischen Tierheim kann durchaus jemand stecken, der wenige Monate später kopfüber auf Deinem Sofa liegt und schnarcht.
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