Wenn der Hund plötzlich weg muss

Verantwortung endet nicht einfach dann, wenn es schwierig wird.

Ein Hund soll abgegeben werden, am besten sofort, und plötzlich ist der Tierschutz zuständig. Warum solche Anfragen für Vereine oft weniger mit fehlendem Mitgefühl als mit fehlender Zeit, fehlenden Plätzen und einer Verantwortung zu tun haben, die sich nicht einfach weiterreichen lässt.

Wenn eine Nachricht mit „schweren Herzens“ beginnt, zieht sich bei uns schon alles zusammen und wir müssen meistens gar nicht weiterlesen, um ungefähr zu wissen, was kommt.

Da will jemand seinen Hund abgeben.

Wer einen Hund adoptiert, übernimmt ab der ersten Sekunde Verantwortung für ein Lebewesen. Nicht nur solange das Leben bequem läuft, die Beziehung hält, genug Geld da ist und gesundheitlich alles nach Plan läuft. Krankheit, Trennung, Jobwechsel oder andere Krisen können passieren. Genau deshalb gehört zu verantwortungsvoller Hundehaltung auch die Frage, was passiert, wenn man selbst einmal ausfällt. Wer kann den Hund vorübergehend übernehmen? Gibt es Freunde, Familie oder Bekannte, die zwei Wochen überbrücken können? Gibt es Rücklagen? Gibt es überhaupt einen Plan B?

Manchmal verändert sich nicht das Leben, sondern der Hund wird zum Problem

Natürlich gibt es Situationen, die niemand vorhersehen kann. Aber manchmal liegt die Ursache für eine Rückgabe nicht darin, dass sich das Leben plötzlich völlig verändert hat. Manchmal wurde schlicht zu lange nichts getan.

Ein Hund kommt mit fünf Monaten ins neue Zuhause. Zwei Jahre später soll er zurück, weil er die Wohnung zerlegt, an der Leine kaum zu halten ist, andere Hunde attackiert oder inzwischen sogar Kinder gebissen hat. Und als Begründung hören wir dann: falsche Vermittlung unsererseits.

Wahrscheinlich wissen die meisten Menschen selbst, dass das nicht die eigentliche Ursache ihrer Probleme ist. Aber wenn man uns die Verantwortung dafür zuschiebt, klingt es vielleicht ein bisschen mehr danach, als müssten wir den Hund nun auch zwingend zurücknehmen.

Natürlich schließen wir Fehler unsererseits nicht grundsätzlich aus. Natürlich kann sich eine Vermittlung im Nachhinein als nicht optimal herausstellen. Natürlich bringt ein Hund auch schon mal eine Überraschung mit, mit der niemand gerechnet hat. Und wir haben wirklich Verständnis dafür, wenn man mit einem Hund oder seinem Verhalten überfordert oder sogar verzweifelt ist.

Aber wer einen fünf Monate alten Hund übernimmt und ihn Jahre später wegen „Fehlfunktion“ zurückgeben möchte, hat an dem Ergebnis zumindest mitgebaut. Was in dieser Zeit passiert, wie mit ihm gearbeitet wird, welche Regeln gelten, welche Probleme früh erkannt oder lange ignoriert werden und welche Erfahrungen der Hund macht, prägt ihn ganz erheblich mit.

Besonders bitter wird es, wenn wir erst dann erfahren, dass es seit Monaten oder sogar Jahren Probleme gibt, wenn wirklich etwas passiert ist. Wenn der Hund ein Kind gebissen hat. Wenn Spaziergänge kaum noch möglich sind. Wenn die Wohnung regelmäßig umdekoriert wird. Dann muss er plötzlich sofort weg.

Dabei stehen wir auch nach der Adoption gern mit Rat und Tat zur Seite. Genau dafür muss man sich aber melden, bevor aus einem kleinen Problem ein großes geworden ist. Früh um Hilfe zu bitten, ist kein Scheitern. Im Gegenteil. Oft ist genau das der Punkt, an dem sich noch sehr viel verändern lässt.

Und das erleben wir zum Glück auch. Adoptanten melden sich frühzeitig, wir überlegen gemeinsam, was helfen könnte, empfehlen bei Bedarf Trainer oder andere Unterstützung und begleiten die Situation weiter. Wenn dann irgendwann die Nachricht kommt: „Es klappt jetzt super“, freuen wir uns ehrlich mit.

Probleme zu haben, ist nicht das Problem. Sie so lange laufen zu lassen, bis nur noch die Abgabe übrig bleibt, schon eher.

„Der Hund muss sofort weg“

Diesen Satz hören wir erstaunlich oft. Nicht nächste Woche, nicht in zwei Wochen und schon gar nicht dann, wenn wir eine passende Lösung gefunden haben. Sofort. Am besten haben wir den Autoschlüssel schon in der Hand, um den Hund 500 Kilometer weiter abzuholen.

Das Problem ist nur: Unsere Pflegestellen sitzen nicht 24 Stunden am Tag neben dem Telefon und warten darauf, dass wir anrufen und ankündigen, dass in zwei Stunden ein Hund vor der Tür steht. Sie kündigen dafür auch nicht ihre Jobs oder lassen vorsorglich den Jahresurlaub ausfallen. Es sind ganz normale Menschen mit Arbeit, Familie, eigenen Tieren und einem eigenen Leben. Menschen, die zusätzlich Zeit, Platz und ziemlich viel Mühe investieren, um Hunden in Notsituationen zu helfen.

Außerdem haben wir nur wenige Plätze, weshalb wir auch immer auf der Suche nach Pflegestellen sind.

Und selbst wenn eine Pflegestelle theoretisch frei ist, muss sie auch zum Hund passen. Ein Hund mit Katzenproblem gehört nicht in einen Haushalt mit Katzen. Ein Hund, der nicht allein bleiben kann, braucht andere Voraussetzungen als einer, der entspannt ein paar Stunden wartet. Manche Hunde brauchen Ruhe, andere souveräne Artgenossen, wieder andere bringen gesundheitliche oder verhaltensbezogene Themen mit, auf die eine Pflegestelle vorbereitet sein muss.

Besonders hilfreich wäre es dabei natürlich, wenn wir zuverlässige Informationen über den Hund bekämen. Bekommen wir nur leider oft nicht.

Wenn „unkompliziert“ plötzlich ziemlich kompliziert wird

Bei Abgabehunden bekommen wir regelmäßig nur sehr wenige Informationen. Manchmal sollen wir innerhalb kürzester Zeit einen Platz organisieren und wissen kaum mehr als Alter, Geschlecht und die ungefähre Größe des Hundes. Noch problematischer wird es, wenn die Informationen zwar vorhanden sind, sich später aber als bemerkenswert kreativ herausstellen.

„Kann problemlos allein bleiben“ kann auf der Pflegestelle plötzlich bedeuten, dass Türen und Wände beim Verlassen der Wohnung eher als unverbindliche Empfehlungen betrachtet werden. „Verträglich mit anderen Hunden“ funktioniert möglicherweise nur, solange kein anderer Hund tatsächlich anwesend ist. Und aus „total unkompliziert“ kann innerhalb weniger Stunden ein Hund werden, für den die ausgesuchte Pflegestelle überhaupt nicht geeignet ist.

Das ist nicht nur ärgerlich. Es kann für Menschen und Tiere richtig problematisch werden. Ehrliche Informationen zu Verhalten, Gesundheit, Ängsten, Aggressionen und bekannten Schwierigkeiten sind deshalb keine Nebensache. Sie sind die Grundlage dafür, überhaupt entscheiden zu können, wo ein Hund sicher untergebracht werden kann.

Falsche Angaben machen eine Vermittlung übrigens nicht schneller. Sie sorgen nur dafür, dass das nächste Problem bereits eingebaut ist.

Was wir uns am meisten wünschen: Zeit

Was wir uns bei Abgabeanfragen am meisten wünschen würden, ist Zeit.

Wenn man sich erst meldet, wenn das Kind längst in den Brunnen gefallen ist und der Hund am liebsten noch am selben Abend verschwinden soll, werden die Möglichkeiten zwangsläufig kleiner. Wer sich früh meldet, nimmt für alle Beteiligten enormen Druck aus der Situation. Dann können wir überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, Pflegestellen ansprechen und gemeinsam nach einer vernünftigen Lösung suchen. Vielleicht können Freunde, Verwandte oder Bekannte für zwei Wochen einspringen. Vielleicht kann der Hund noch eine Zeit im bisherigen Zuhause bleiben, während wir bereits nach einem neuen Zuhause suchen. Vielleicht kann der bisherige Halter sogar selbst vorübergehend die Funktion einer Pflegestelle übernehmen, während wir die Vermittlung organisieren.

Gerade letzteres kann für den Hund die angenehmste Lösung sein. Er muss nicht erst sein gewohntes Zuhause verlassen, sich auf einer Pflegestelle neu orientieren und wenige Wochen später schon wieder umziehen. Jeder zusätzliche Ortswechsel bedeutet Stress und ist nicht automatisch nötig, nur weil entschieden wurde, dass der Hund langfristig ein neues Zuhause braucht.

Aber in der Regel muss der Hund eben sofort weg. Sind wir nicht sofort handlungsfähig, wird uns oft auch mangelndes Mitgefühl vorgeworfen. Besonders gern mit dem Hinweis, wie unglaublich schlimm die Situation für den Halter sei. Wenn die Nummer mit der Tränendrüse den Prozess nicht beschleunigt, folgt schnell Phase 2: Wut auf den Verein.

„Wenn Ihr ihn nicht nehmt, muss er ins Tierheim“

Auch dieser Satz gehört inzwischen fast zum Standardrepertoire. Er klingt zunächst nach einer Information, funktioniert aber hervorragend als emotionale Brechstange.

Denn die eigentliche Botschaft lautet häufig: Wenn Ihr den Hund jetzt nicht übernehmt, seid Ihr verantwortlich für das, was anschließend mit ihm passiert.

Nein.

Die Verantwortung liegt bei dem Menschen, der diesen Hund übernommen hat. Natürlich wollen wir helfen. Aber wir können keinen Platz herbeizaubern, nur weil der moralische Druck groß genug wird.

Dass der Leidtragende der Situation vor allem der Hund ist, gerät dabei erstaunlich schnell aus dem Blick.

Seit unserer Gründung 2015 ist unseres Wissens nach keiner unserer vermittelten Hunde in einem deutschen Tierheim gelandet.

Darauf sind wir durchaus stolz. Nicht, weil bei uns niemals eine Vermittlung scheitert. Das passiert nun mal. Aber weil wir alles nur Mögliche tun, um das zu vermeiden. Denn wir bringen Hunde nicht aus Spanien nach Deutschland, damit sie hier im Tierheim landen. Wir haben mangels Alternativen schon Rückläufer in kostenpflichtigen Pensionen untergebracht. Und dieses Geld liegt bei einem kleinen Tierschutzverein nicht irgendwo herum und wartet darauf, möglichst kreativ ausgegeben zu werden. Es ist eigentlich für echte Notfälle gedacht.

Wir sind nicht die Besitzer auf Lebenszeit

Gerade Menschen, die einen Hund von Sonnenpfoten adoptiert haben, müssen einen wichtigen Punkt verstehen: Wir haben diesen Hund ein Stück seines Weges begleitet.

Vor uns haben Tierschützerinnen und Tierschützer in Spanien ihn versorgt, medizinisch betreut, gefüttert und durch schwierige Monate gebracht. Dann kommt er zu uns, vielleicht auf eine Pflegestelle. Wir lernen ihn kennen, begleiten ihn weiter und suchen Menschen, bei denen sein restlicher Lebensweg beginnen kann.

Und damit übergeben wir die Verantwortung.

An seine Adoptanten.

Nicht halb an uns und halb an sie. Nicht für die schönen Dinge an die neue Familie und für Krisen wieder zurück an den Verein. Natürlich bleiben wir Ansprechpartner, unterstützen bei Problemen und helfen, wenn es wirklich nicht mehr geht. Wir fühlen uns für jeden unserer Hunde ein Leben lang verantwortlich und mit ihm verbunden.

Aber rechtlich, praktisch und moralisch tragen seine Adoptanten die Verantwortung für sein Leben.

Eine Adoption ist keine Dauerleihgabe mit lebenslangem Rückgaberecht inklusive Abholservice.

Mit dem Hund verschwindet oft auch das Interesse

Was uns bei Abgaben immer wieder sauer aufstößt, ist, wie häufig mit dem Hund auch jede weitere Verantwortung möglichst vollständig verschwinden soll. Den Hund selbst zur Pflegestelle bringen? Das Auto ist gerade in der Werkstatt. Noch ein oder zwei Wochen überbrücken? Geht auf gar keinen Fall. Sich an entstehenden Kosten beteiligen? Puh. Später einmal nachfragen, wie es dem Hund geht? Offenbar wirklich zu viel des Guten.

Unsere traurige Erfahrung ist tatsächlich, dass sich die meisten Menschen nach einer Abgabe überhaupt nicht mehr melden. Ohne Übertreibung sind es gefühlt rund 95 Prozent, die später nicht einmal fragen, wie es dem Hund geht. Keine Nachricht nach ein paar Tagen, keine Nachfrage nach Wochen, kein Interesse daran, ob er sich eingelebt hat oder bereits ein neues Zuhause gefunden wurde.

Und das, obwohl wir vorher oft ausführlich hören, dass der Hund natürlich ein geliebtes Familienmitglied sei und die Abgabe für den Menschen mindestens genauso schlimm, meistens selbstverständlich noch schlimmer, als für den Hund. Wenn wir an dieser Stelle nicht ausreichend Mitleid zeigen, sind wir dann schnell herzlos.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Menschen, die weiter nachfragen, sich finanziell beteiligen, beim Transport helfen oder einfach wissen möchten, wie es ihrem ehemaligen Hund geht. Sie sind nur leider deutlich seltener, als man erwarten würde.

Beschwerden erreichen uns erstaunlich zuverlässig

Interessanterweise funktioniert die Kontaktaufnahme während eines Abgabeprozesses meist hervorragend.

Zum Beispiel wenn wir angeblich zu langsam sind. Zu unempathisch. Nicht freundlich genug. WhatsApp nicht innerhalb von einer Minute beantworten. Oder wenn wir nicht innerhalb der erwarteten Zeitspanne eine fertige Lösung präsentieren konnten.

Während wir also Pflegestellen kontaktieren, Fahrten organisieren, Kosten kalkulieren, Informationen zusammensuchen und versuchen, einen vernünftigen Platz für den Hund zu finden, wird gelegentlich parallel bewertet, ob unsere Kommunikation dabei auch ausreichend angenehm war. Für unseren Kundenservice bekommen wir beim Umtausch dann meist nur 1 von 5 Sternen. Auch dann, wenn wir einen Hund innerhalb von zwei Tagen bereits auf einer Pflegestelle unterbringen konnten.

Prioritäten sind eben individuell.

Wer Hilfe möchte, darf an der Lösung mitarbeiten

Eine Abgabe muss nicht bedeuten, dass ab diesem Moment sämtliche Verantwortung auf der anderen Seite des Telefons liegt. Der bisherige Halter kann ehrliche Informationen liefern, Unterlagen zusammentragen, den Transport übernehmen, eine Pension zahlen, weitere Kosten mittragen oder den Hund noch eine Zeit lang behalten, während wir nach einer dauerhaften Lösung suchen.

Hilfe funktioniert am besten, wenn beide Seiten an derselben Lösung arbeiten. Und eigentlich sollte das gemeinsame Ziel ziemlich eindeutig sein: die beste dauerhafte Lösung für den Hund.

Schwierig wird es erst dann, wenn auf einer Seite bereits jede denkbare Möglichkeit ausgeschlossen wurde und nur der Verein bitte noch kreativ werden soll.

Fazit

Es gibt Situationen, in denen ein Hund wirklich nicht in seinem bisherigen Zuhause bleiben kann. Das stellen wir nicht grundsätzlich infrage.

Was wir infrage stellen, ist die Vorstellung, dass Verantwortung in diesem Moment einfach vollständig endet.

Wer frühzeitig Hilfe sucht, ehrlich informiert, selbst nach Übergangslösungen schaut, Zeit ermöglicht und im Rahmen seiner Möglichkeiten weiter unterstützt, macht einen riesigen Unterschied. Für uns, für die Pflegestellen und vor allem für den Hund.

Denn der hat sich die Trennung nicht ausgesucht.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, den man bei all dem „schweren Herzens“ nicht aus den Augen verlieren sollte.

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