Der Transporter kommt am vereinbarten Treffpunkt an. Du bist schon total aufgeregt und kannst Dich vor Freude kaum halten. Doch aus dem Raumschiff steigt ein Hund, der nicht weiß, ob er gerettet oder entführt wurde. Und dann steht er da, auf diesem fremden Alienplaneten, alle gucken ihn an. Und wieso hat dieses Alien am anderen Ende der Leine eigentlich so eine piepsig hohe Stimme? Redet man hier so?
Ungefähr so erklären wir es unseren Adoptanten oft: Einen Tierschutzhund eingewöhnen heißt vor allem, ihm Zeit zu geben, diesen völlig neue Welt erst einmal kennenzulernen. Denn stell Dir vor, Du wirst irgendwo abgesetzt, wo alles fremd ist. Wie auf einem Alienplaneten. Alles riecht anders, alles klingt anders und die Wesen, bei denen Du jetzt wohnen sollst, sprechen eine Sprache, die Du nicht verstehst. Draußen rauschen Autos vorbei, Jogger tauchen aus dem Nichts auf, Kinderwagen klappern über den Gehweg und irgendwo scheppert eine Mülltonne. Drinnen wird es nicht unbedingt besser. Der Kühlschrank brummt, der Fernseher kann sprechen, der Staubsauger scheint offensichtlich feindliche Absichten zu haben und irgendein Alien erwartet plötzlich, dass Du eine Treppe raufgehst, auf einem bestimmten Platz schläfst und bitte nicht auf den Teppich pinkelst. Aber wo ist denn hier das Klo?
Manche Hunde finden diesen neuen Planeten ziemlich spannend. Manche sogar richtig cool. Sie möchten alles erkunden, überall schnuppern und schauen, was diese merkwürdigen Zweibeiner so treiben. Andere sind vorsichtiger, eingeschüchtert oder verunsichert. Sie wissen schließlich nicht, ob die Aliens freundliche Absichten haben und warum zur Hölle jetzt plötzlich alles anders ist. Natürlich denkt ein Hund nicht wirklich so. Aber das Bild hilft ziemlich gut dabei, sich klarzumachen, wie fremd ein neues Zuhause anfangs sein kann.
Für Dich ist klar: Der Hund ist jetzt zuhause. Für ihn ist das noch längst nicht klar. Er kennt Dich vielleicht erst seit ein paar Stunden. Er weiß nicht, ob Du verlässlich bist, ob Du nett bist und wenn ja, ob das so bleibt, oder ob morgen schon wieder irgendein Raumschiff kommt und ihn woanders hinbeamt.
Manche Hunde suchen trotzdem sofort Nähe. Andere beobachten erst einmal aus sicherer Entfernung, was diese Menschen eigentlich vorhaben. Beides ist okay. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass man den neuen Hund möglichst viel knuddelt, dauernd anspricht oder ihm im Minutentakt versichert, dass er jetzt für immer bleiben darf. Das versteht er sowieso nicht. Vertrauen entsteht mit der Zeit und dadurch, dass der Alltag berechenbar wird. Futter kommt zuverlässig. Niemand bedrängt ihn. Er darf schlafen. Spaziergänge laufen ruhig ab. Und nach und nach merkt der Hund: Diese Aliens sind vielleicht seltsam, aber offenbar harmlos. Oder sogar richtig toll.
Viele Dinge, die für uns völlig normal sind, können für einen frisch angekommenen Hund erst einmal ziemlich schräg wirken. Straßenverkehr, Fahrräder, Jogger, Kinder, Aufzüge, Treppenhäuser, Türklingeln, Kaffeemaschinen, Staubsauger, Fernseher oder Türen, die automatisch zufallen. Und was soll bitte eine Katze sein? Die Liste der verrückten Dinge ist schier unendlich. Dazu kommen neue Gerüche überall.
Für Hunde aus dem Tierheim kann das alles schon echt krass sein. Aber selbst Hunde, die in Spanien schon in einem Haushalt gelebt haben, landen nach der Adoption in einer ganz anderen Welt. Andere Sprache, anderes Klima, andere Häuser, andere Straßen, andere Gerüche und eine andere Geräuschkulisse. Ein Dorf in Andalusien ist eben nicht dasselbe wie eine Wohnung mitten in Köln.
Deshalb ist eine Sache wichtig: Gib dem Hund Zeit. Der neue Erdenbürger muss nicht direkt in der ersten Woche Innenstadt, Café, Wochenmarkt, Hundewiese und Familienfeier absolvieren. Fangt klein an. Erst einmal daran gewöhnen, dass die Besteckschublade klappert, reicht völlig.
Kaum angekommen, soll der Hund plötzlich wissen, wo er schlafen darf, wann es Futter gibt, wo gepinkelt werden darf und wo das eine Todsünde ist, ob das Sofa heiliges Menschengebiet oder offiziell Teil der Hundezone ist und wieso man eigentlich nie bellen darf. Dazu kommen Leine, Geschirr, Ruhezeiten und allerlei weitere Dinge, die für uns so selbstverständlich wirken.
Natürlich braucht ein Hund Orientierung. Aber niemand drückt ihm bei der Landung ein Handbuch mit Hausordnung in die Pfote. Deshalb lieber klare, ruhige Regeln und nicht direkt ein komplettes Ausbildungsprogramm. Wenn der Hund am dritten Tag noch nicht perfekt Sitz macht, liegt es nicht am Intelligenzquotienten.
Der eine Hund liegt nach zwei Stunden entspannt auf dem Rücken im Körbchen und wirkt, als hätte er hier schon immer gewohnt. Der nächste steht bei jedem Geräusch auf, schaut ständig zur Tür und fragt sich vermutlich, wann die nächste Entführung stattfindet. Manche fressen sofort, andere brauchen erst einmal Zeit. Manche suchen viel Nähe, andere möchten lieber Abstand halten. Dann gibt es die Kandidaten, die vor Aufregung weiche Häufchen verteilen, und andere, die nach über 24 Stunden immer noch nicht Pipi gemacht haben.
Wie schnell ein Hund ankommt, hängt von Charakter, Vorgeschichte, bisherigen Erfahrungen und sehr viel mehr ab. Deshalb bringt es wenig, die eigene Eingewöhnung mit anderen zu vergleichen. Nur weil der Hund der Nachbarin nach drei Tagen angeblich schon perfekt bei Fuß läuft, im Café schläft und nebenbei noch Steuererklärungen macht, heißt das nicht, dass Dein Hund irgendetwas falsch macht.
Auch draußen ist zunächst alles neu. Neue Gerüche, neue Wege, neue Hunde, neue Menschen und wahrscheinlich jede Menge Dinge, bei denen Dein Hund noch nicht weiß, ob sie harmlos oder höchst verdächtig sind. Gerade am Anfang sollte man Spaziergänge deshalb eher ruhig halten. Keine Wanderung durch die Alpen, keine Expedition durch fünf Stadtteile, keine große Kennenlerntour, kein Pflichtprogramm.
Ein paar vertraute Wege helfen dem Hund, sich zu orientieren. Irgendwann kennt er die Ecke, weiß, wo man in Ruhe pinkeln kann, wo es nach Hause geht und welche Mülltonne jeden Dienstag völlig grundlos Krach macht. Dann kann der Planet Stück für Stück größer werden.
Gerade bei frisch angekommenen Tierschutzhunden ist gute Sicherung enorm wichtig. Auch ein Hund, der entspannt wirkt, kann sich erschrecken und plötzlich versuchen zu flüchten. Deshalb gehört eine doppelte Sicherung mit gut sitzendem Sicherheitsgeschirr und Halsband an jeweils einer zuverlässigen Leine für uns in der ersten Zeit unbedingt dazu.
Vielleicht kennt Dein Hund seinen Namen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hat er vorher auf spanische Worte reagiert. Vielleicht auf gar keine. Für den Hund klingt wahrscheinlich vieles erst einmal wie: „Blablabla Nein blablabla.“ Nicht gerade eine ideale Übersetzungssoftware.
Dazu kommt unsere Körpersprache. Wir beugen uns über Hunde, zeigen mit den Händen, reden viel und erwarten manchmal, dass sie irgendwie schon wissen werden, was gemeint ist. Tun sie aber oft nicht.
Deshalb lieber ruhig, klar und konsequent kommunizieren und dem Hund Zeit geben, unsere merkwürdige Aliensprache zu lernen. Das geht meistens schneller, als ein Deutscher lernt, Paella richtig auszusprechen.
Natürlich möchten Familie, Freunde und Nachbarn den neuen Hund kennenlernen. Schließlich haben wahrscheinlich alle schon seit Wochen Fotos geschickt bekommen und möchten jetzt endlich prüfen, ob die Ohren in echt wirklich so groß sind.
Trotzdem muss nicht am zweiten Abend der komplette Alienclan im Wohnzimmer sitzen. Neue Menschen bedeuten neue Gerüche, neue Stimmen, neue Bewegungen und meistens auch Hände, die den Hund unbedingt anfassen möchten. Für manche Hunde ist das einfach zu viel. Es ist völlig okay, Besuch erst einmal zu begrenzen. Tante Gisela wird es verkraften, wenn die Audienz erst nächste Woche stattfindet.
Stell Dir vor, Du bist gerade von Aliens entführt worden, hast langsam verstanden, dass sie offenbar ganz nett sind und dann verschwinden plötzlich alle. Nicht unbedingt beruhigend. Ist ihnen was passiert? Kommen sie wieder?
Deshalb sollte Alleinbleiben gerade am Anfang nicht einfach vorausgesetzt werden. Manche Hunde lernen es relativ schnell, andere brauchen deutlich länger. Und nur weil Du zwei Wochen Urlaub genommen hast, heißt das nicht automatisch, dass der Hund nach Tag 14 bereit ist, direkt acht Stunden alleine zu bleiben. Das Training sollte kleinschrittig aufgebaut werden und zum jeweiligen Hund passen.
Auch ein erwachsener Hund muss nicht automatisch stubenrein sein. Manche haben vorher draußen gelebt. Andere kennen Zwingerhaltung oder Tierheimalltag. Und selbst ein Hund, der eigentlich stubenrein ist, kann durch Stress und Aufregung anfangs wieder Unfälle haben.
Deshalb gut beobachten, wann der Hund unruhig wird oder vielleicht raus muss. Lieber öfter rausgehen und dem Hund so auch öfter die Chance geben, sich zu entleeren. Manche trauen sich anfangs nicht, häufig hilft deshalb dieselbe kurze Strecke. Und ganz wichtig: ruhig bleiben, wenn doch einmal etwas daneben geht. Der Hund hat nicht beschlossen, Dir persönlich den Teppich zu versauen. Er kennt einfach die hiesigen Sanitärvorschriften noch nicht.
Gerade motivierte neue Hundehalter möchten verständlicherweise alles richtig machen. Sitz. Platz. Rückruf. Leinenführigkeit. Alleinbleiben. Deckentraining. Impulskontrolle. Vielleicht noch ein bisschen Nasenarbeit. Am besten bis Mittwoch.
Muss nicht sein. In den ersten Tagen sind Sicherheit, Schlaf, Orientierung und Beziehung oft wichtiger als ein perfekt ausgeführtes Sitz. Ein Hund muss nicht direkt beweisen, wie schnell er Sitz, Platz oder sonst irgendetwas lernen kann. Er muss erst einmal verstehen, wo er gelandet ist.
Ein Hund zeigt in den ersten Tagen nicht unbedingt, wie er später wirklich sein wird. Manche sind zunächst still und zurückhaltend und werden später deutlich selbstbewusster. Andere wirken anfangs völlig aufgedreht und kommen erst zur Ruhe, wenn sie sich sicher fühlen.
Je sicherer der Hund wird, desto mehr Persönlichkeit kommt häufig zum Vorschein. Und manchmal stellt man dann fest, dass das kleine schüchterne Wesen durchaus sehr konkrete Vorstellungen davon hat, wer auf welcher Sofaseite liegen darf und wann morgens gefälligst Frühstück serviert wird.
Immer wieder liest man von der 3-3-3-Regel. Drei Tage zum Runterkommen, drei Wochen zum Eingewöhnen, drei Monate bis der Hund wirklich angekommen ist. Als Erinnerung daran, dass Eingewöhnung Zeit braucht, ist das völlig okay. Als Naturgesetz eher nicht.
Einige Hunde sind nach wenigen Tagen erstaunlich zuhause. Andere brauchen Monate. Der Hund hat keinen Kalender neben seinem Körbchen liegen und weiß nicht, dass er laut Internet ab Tag 22 jetzt eigentlich die nächste Eingewöhnungsphase erreicht haben müsste. Also lass Dich von solchen Internet-Regeln nicht unter Druck setzen.
Mit der Zeit passiert etwas ziemlich Schönes. Die fremden Geräusche werden normal. Die Wege draußen werden vertraut. Der Hund kennt die Abläufe, weiß, wo es Futter gibt und welcher Schlafplatz der beste ist. Die Besteckschublade ist nicht mehr lebensgefährlich. Der Fernseher redet uninteressantes Zeug und wird ignoriert. Der Staubsauger wird vielleicht noch immer gehasst, aber irgendwo muss man ja eine Grenze ziehen.
Das passiert bei manchen Hunden schnell und bei anderen langsam. Man kann es nicht erzwingen und auch nicht exakt planen. Man kann nur dafür sorgen, dass der neue Planet sich irgendwann sicher genug anfühlt, um Zuhause zu werden. Und irgendwann bist Du auch kein merkwürdiges Alien mehr. Du bist einfach sein Mensch. Für ihn der tollste Mensch auf dem Planeten.
Am Anfang muss Dein Hund nicht funktionieren, nichts beweisen und auch nicht möglichst schnell ankommen. Er muss erst einmal verstehen, dass dieser seltsame neue Planet sicher ist und die Aliens offenbar bleiben.
Gib ihm Zeit, Ruhe und verlässliche Abläufe. Der Rest kommt Stück für Stück. Und irgendwann ist der Alienplanet kein fremder Ort mehr, sondern einfach Zuhause.
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